Gedichte

14
Aug
2008

...

011

Auf der Kirmes

Ich erinnere mich an einen Tag im späten April...
Es war zwischen Nachmittag und Abend und ich verbrachte diese Zeit auf der Kirmes. Scheues, noch fahles Sonnenlicht überdachte den Ort und grau in weiß wandernde Wolken.

Wind

Über einen grün schimmernden Fluss führte ein Brückenbogen zum hinteren Eingang des Jahrmarktes. Die Stadt lag nur wenige Minuten zu Fuß entfernt. Doch ihre Sprache drang nicht hierher.
Es war eine eigene Welt.
An dem Ufer des Flusses stuften sich zu den Wagen der Schausteller Grüntöne in verschiedenen Schattierungen:
Zunächst ein Streifen wie aus herber Minze sogleich am Rücken, am Sande des Ufers. Erhebungen verteilten sich an dessen gebogenen Verlauf. Sie hatten grasgrüne und flaschengrüne Färbungen und kündeten von dem Frühjahr an diesen Ebenen. Nirgends sah man hier Wiesen und Felder in bleiche Städteflächen verwandelt. Nicht weit stand ein jahrhundertealtes Mühlenrad. Es blickte dem Fluss nach und fand sich an seinem Rande wieder, so, als gehörte es schon seit jeher zu dieser unbekümmerten Welt, und von der nur ein, zwei Kilometer entfernt der Verkehr an der Stadt bestimmte und pulsierte.
In den Tiefen der Felder verfloß schon bald ein satteres, dunkleres Grün und ab und an durchzogen es aufgehendere Töne wie mit einer bedachten Hand. Strohballen streuten sich über diese Formen der Wechselseitigkeit. Und noch immer war die Erde feucht und kühl, der Regen des frühen Mittags zeigte sich allerdings nicht und der Himmel hing nicht mehr schwer herab.

In diesen Flächen löste sich der Anfang einer Erzählung...

Über ihnen griff man beinahe schon Bedeutsamkeiten...
Der Geruch der Erde verbreitete sich. Falter schwirrten über Flusssteinen und Kiesgraten, im Heute, auf und ab, über der ungepflügten Erde, sie schwangen sich über das Gesträuch, in dem sich junges Leben verbarg, über Wurzeln und bedachter Stille. Feldmaikäfer kletterten in ihnen und vom Ufer her schwebten Libellen; letzte Tropfen schimmerten an den Stilen der Wildblumen, inmitten der regenfeuchten Ebenen. Es würden lichterne Augenblicke ins Bewußtsein fluten.
Allmählich verschwammen die Wolken...
Die Weizenfelder und der Tag hier grüßten immer mehr die freundlicheren Himmel und ich merkte, wie sehr diese Welt ihre bleibenden Eindrücke hinterlassen sollte. Bald klang unweit der dumpfe Gesang eines Kleibers über Steine und Gedanken, berührte Schafgarben und Lebensgeschichten. Entlang des geschnittenen Gesträuchs, dass nun trocknete in der mutigeren Sonne.
Dahinter versprühten sich Anteile von sandigem Gelb. Bis sich ein Rapsfeld in grellerem Gelb an Raine drängte, in die sich die Farbe dunkler Äste mischte, an Ährenfelder wellte, an alte Kastanienbäume und Minuten.
Leise und doch stetig kämmten Böen durch Mariengräser. Sie wehten über unvergängliche Lieder. Und rauschten durch die Kronen beginnender Ulmen und Linden an Wegesrändern.

In der Ferne irgendwo ein Wald, der sich an den Aufstiegen zu den Bergen hing.

Der Duft von trocknendem Heu und Minze wehte auf.

Doch schon zog mich der Mahlstrom aus ankommenden Bildern, Ungezwungenheiten und hergereisten Wagen in sein Bewußtsein - und meine Erinnerungen.

Nur wenige Schritte...

Schon befand ich mich in der Kirmesrunde und der Mitte meiner Jugend. Nirgends erhob sich eine Mauer, eine kalte Wand. Gleichwohl war es als durchschritte ich einen Flur, einen Gang, der Neugierde und schließlich Wohklang entließ. Ungestorbene Bilder in meiner Zeit hisste.
Und schon erblickte ich sie auch:
Seit dem ersten Besuch nannte ich sie meinen Stunden, den einfachen und regnerischen. Oft versuchte ich dem Einerlei des Alltages nachzufolgen, aber sie schied nicht aus meinen Sätzen und Gedanken. Sie teilte schlichte Wege mit mir. Säte Glück in mir. Und Fragen, ja viele Fragen, wie sie hieß, woher sie kam, wann sie wieder hier her kommen würde. Vielleicht würde ich sie nur hier noch sehen.
Sie schien in diese manchmal karge, eisige Wirklichkeit gezeichnet wie unter einen Bogen aus Engelslicht.
Sie blickte mit fragenden Augen über Besucher und Wanderer, aber sie ließ sich nicht ablenken von dem schlängelnden Strom aus Schaulustigen, der an den vielen, lauten Einlässen anstand, an den Zelten und Schießbuden vorüber schritt, an silbernen Absperrungen, irgendwann entlang der Souvenirs- und Mandelverkäuferinnen watete. Es waren Bilder wie sie jeder kannte, der auf der Nachmittagskirmes schlenderte und etwas seiner ungehängten Jugend einfing.
Hier fing ich sie ein.
Sie war nicht verstorben.
Links und rechts verfingen sich einige Besucher in Gesprächen mit den Schaustellern. Angetrunkene schwankten auf den Steinpflastern. Andere betrachteten die Neuvorstellungen und raunten in der Menge, drehte ein Karussel eine weitere Runde, eine schnellere als zuvor. Jongleure waren dort und führten ihre Kunststücke vor. Vor der Absperrung eines Riesenrades standen sie und den Karusselen. Wie auf Kreiseln ausgesetzt, sogen sie große Aufmerksamkeiten an sich. Träume hingen an ihnen und zwischen ihnen zitterten manche ernste, bleiche Wirklichkeiten. Es war als waren Sinne alter Tage wiedergekehrt an diesen Stadtrand. Alle lehnten sie an ihrer Bedeutung, ihren Traditionen, Ausgängen, ihren Schatten und Lichtern.

Währenddessen fragte sie über alte und junge Kirmesgänger nach mir.
Gefangen war ich und verhaftet in dieser Stimmung. Sie hatte etwas einer aufgeworfenen Jugendzeit, die mit Wellen der Ehrlichkeit und Abenteuerlichkeit - über einer Art der Ungewissheit - in diese Zeit rauschte. Und der Nähe zu jenem Mädchen mit den langen, schwarzen Haaren. Sie hatte ein hellbraunes Gesicht und war sehr hübsch. Sie schien trotzalledem etwas für sich zu behalten und uneinnehmbar zu sein, von all dem, was um sie herum passierte.
Ihr Wesen eroberte meine Tage und Nächte. An all diesen hunderten Gesichtern und Geschichten meine Richtungen.

"Auch wenn es ihre Familie nicht zulassen würde", flüsterte ich.
"Wenn wir nicht hierher gefahren wären. Morgen schon, vielleicht morgen schon werden wir...", sprach sie.
"Ich muß mit ihm sprechen."

In ihren Augen war Lebensfreude. Und ihre Blicke schrieben sich in mich.
Schrieben sich in mich wie eine besondere Erzählung in das langjährige Bewußtsein.
Wie war ihr Name?, fragte immer wieder eine innere Stimme.
Würde sie bei der nächsten Kirmeswoche wieder hier sein?
In dem Wohnwagen ihrer Familie an diesen Ort fahren - zwischen Steinpfade und Fluss? Oder mit den Jahreszeiten und Verpflichtungen anderswo auf Jahrmärkten, in größeren Städten ihre Nachmittage verbringen?
Ich band dieses Gewoge aus stillen Anfängen - wie aus einer reifen Zeit - in die Kirmesrunde; in der sich Lichter entzündeten. Wie jene an Abenden fern der zehrenden Stadt. Und gingen, als wollten sie nur dort sein. Dort, in der Nähe der Sinteza (Zigeunerin), und der Kirmesrunde, die bald nach anderen Orten aufbrechen würde.

Entlang der späten Aprilwiesen.

Auf denen Rappen und Apfelschimmel, ohne dem Blick nach den Vorüberschreitenden grasten. Nur Minuten zu Fuß entfernt von der grau und grauen Stadt. Nahe sandgelber und brauner gefurchter Felder, über denen Winde und Sinne vom fortwährenden Nahen und Verströmen glitten. Derweil neigte sich die Dämmerung über diesen Ort. Späte Lichter stiegen an den Ebenen, stiegen an verbundenen Gedanken, Lüften, Zeiten.

Unter dem geöffneten Himmel, an der Kirmes am Fluss, der nun smaragdgrün glitzerte und weiter, weiter, wie nach einem ewigen Ruf in den Süden wanderte.

© Ciwan

...

laute01

11
Aug
2008

Licht, wenn du an sie denkst...

Du darfst es nicht, doch
du denkst an sie:
Und schon verwandelt sich Trauer
auf den Grasschollen,
der Gedanke am
Dunklen
in Licht,
erlischt nicht vor einer abgekehrten Schwelle
den Bahnhofsstationen, Stadtalleen, Brunnen oder im Regen.
Etwas Ungesehenes,
dass dich mit ihr
über alles und jeden ( jedes Ding )
verbindet.

© Ciwan

8
Aug
2008

Wellen Wellen (TLB)

Das Schiff kiest an die Ufer
Gelbe Felder an dem Steg
Winde entlösen der Brust und Nacht
das Lebende der Menschenherzen
das Liebende der Augen

Sterne an der späten Scheibe

Sie lichten uns aus
Irrwegen

Wellen
Wellen
weiße Wellen
schwemmen mich fort
fort zu dir -

Und Lüfte stehen still

© Ciwan


Sun-ray - Jul 8, 23:49
ich geh so gern bei dir spazierlesen.
und das schon recht lange. ;o)

29
Jul
2008

Nomaden und Systeme - Händler, Dünen, Gefahren, Lieder

Nomaden schlagen Zelte auf in der Wüste, bereits seit Jahrtausenden.
Kamele u dorres Dornengestrüpp. Schlangen. Unsichtbare Gefahren.
Ungebrochene Wasserkrüge. Händler, die Datteln und Myrrhe zählen. Und Herzen, die sich an Palmen verbinden. Dünen.
Eine Welt,
die in Jahrtausendstürmen nicht erlosch.

Wandernde Karawanen erspähen wir an dem roten Sand, Spuren bezeugen ihre Geschichte; in den sonnengebrannten Gesichtern der Stammesführer lesen wir sie oder auf den abgemergelten Händen der Alten, unter den flatternden Fahnen ihrer Zelte, während in den dunklen, wildsprühenden Augen der Jungen die Sehnsucht aufflammt zur ungesehenen Welt, zur Wanderung.
Ihre Lieder stimmen an:
Über Glück und Schmerz, über die Schönheit ihres Lebens vom ersten Morgenfaden bis zur hellsten Nacht.

Und noch immer wahnen Menschen nur nach dem Einen.
Welche Dauer und Berechtigung hat jenes System an der Beständigkeit der Nomaden, welche noch immer wirkt?

© Ciwan

25
Jul
2008

Wir geben, wir geben von uns und... (TLB)

Wir litten an unseren müden Fersen und Knöcheln
das Leben schwirrte um uns
zielte
doch es rang uns
nicht nieder am Rückrat
Im Geäst sahen wir Gefallene hängen
Wir mühten uns
und wählten Türen, die uns zu uns und von uns wiesen...

Kalk und Steinmauern rings um ein Grab... nur der Schwal-
benflug, der sich hierher verirrte...

Wir geben
Wir geben bis zur späten Reise von uns und unserem Besitz
ein Zugang dem lebenumklammernden Herzen
eine Saat des Geistes
denn was bleibt uns nach der letzten Grenze
zu der wir bestimmt sind?

© Ciwan

21
Jul
2008

Ja, sie exisitiert und verwandelt

Überall verändert sie:
Am Stacheldraht, an dem
Blau,
dass du längst den jugendlichen Träumen verschriebst und aus deiner Wirklichkeit dammtest...
nun hörst du hier ihre Geheimnisse,
siehst du ihre schöne Gestalt an der regenfrischen Erde aufrichten

Dort schwebt es,
ringsherum spiegelt es sich und deine Ungläubigkeit

Ja, sie verwandelt alles:
stumme, trübe Flecken,
in dem eine Laune der Sonne alles wieder dreht,
dich in ein Zustimmen.
Ja, sie existiert die Liebe
mit ihrem unzähmbaren Blut
an Verboten, Verurteilten, an tötenden Blitzen und abgeschlossenen Kapiteln

© Ciwan

20
Jul
2008

Wir und das Leben

Wir ehren das Leben.
Vollenden uns mit seinen Lehren und unserer beidem manchesmal verschleierten Herzschlag.
Niemand vermag uns zu blenden!

Entflammte das Leben nicht in den lachenden Momenten des Sorglosen?
Eroberte es uns nicht in schmerzlichsten Fasern?

Licht und Dornen wie Tag und Nacht in uns erzogen.

Das Leben achten wir.
Wir entdecken es in kleinen Zeichen.
Wir lieben es an ihrer Stimme, lauschen einer Erzählung am Wasser des uralten Wandbrunnen.

Widersetzen uns dem Ruchlosen.
Im Westen, im Osten.

Verwunden wir auch: Schulter an Schulter richten wir uns auf, erneut. Schöpfen das Licht aus seinen Sonnenaufstiegen - über den Gewalten, Kriegen, Gräbern, Alltagen, Anfängen und gewährleisteten Möglichkeiten...
Erwachend
in einem durchdringenderen, erhobenerem Leben.

Wir ehren und lieben das Leben.

© Ciwan

14
Jul
2008

Auf der Suche nach ...

Viele
Rätsel kenne ich nicht Gott,
du hast uns etwas in ihnen vorenthalten
So schreite ich fragend an dieser Dämmerung
nach der Liebe
einer Gestalt zwischen Milchstraße u Erde

Das Cafe der Tänzer u einsamen Mitternächte
hinter mir
als verschwindender Gruß in der Stadtgasse

Anwesend ist ein Geheimnis in der
Liebe

irgendwo
irgendwo zwischen Sternen u blauem Diamentenstaub
lauscht ihr in der der Nähe der
Begierige
nicht schläft das Herz
wie kann es anders
einst hörte es ein Märchen u eine Erzählung darüber

Wo hast du die Liebe dem Herzen
bereitgehalten o Gott,
wie eine Violine der Zigeuner spielt diese Nacht
zwischen dem Cafeschatten u Mondschatten
hier wird es fündig werden,
nicht wahr, o Herr?

© Ciwan
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