Ich erinnere mich an einen Tag im späten April...
Es war zwischen Nachmittag und Abend und ich verbrachte diese Zeit auf der Kirmes. Scheues, noch fahles Sonnenlicht überdachte den Ort und grau in weiß wandernde Wolken.
Über einen
grün schimmernden Fluss führte ein Brückenbogen zum hinteren Eingang des Jahrmarktes. Die Stadt lag nur wenige Minuten zu Fuß entfernt. Doch ihre Sprache drang nicht hierher.
Es war eine eigene Welt.
An dem Ufer des Flusses stuften sich zu den Wagen der Schausteller Grüntöne in verschiedenen Schattierungen:
Zunächst ein Streifen wie aus herber Minze sogleich am Rücken, am Sande des Ufers. Erhebungen verteilten sich an dessen gebogenen Verlauf. Sie hatten grasgrüne und flaschengrüne Färbungen und kündeten von dem Frühjahr an diesen Ebenen. Nirgends sah man hier Wiesen und Felder in bleiche Städteflächen verwandelt. Nicht weit stand ein jahrhundertealtes Mühlenrad. Es blickte dem Fluss nach und fand sich an seinem Rande wieder, so, als gehörte es schon seit jeher zu dieser unbekümmerten Welt, und von der nur ein, zwei Kilometer entfernt der Verkehr an der Stadt bestimmte und pulsierte.
In den Tiefen der Felder verfloß schon bald ein satteres, dunkleres Grün und ab und an durchzogen es aufgehendere Töne wie mit einer bedachten Hand. Strohballen streuten sich über diese Formen der Wechselseitigkeit. Und noch immer war die Erde feucht und kühl, der Regen des frühen Mittags zeigte sich allerdings nicht und der Himmel hing nicht mehr schwer herab.
In diesen Flächen löste sich der Anfang einer Erzählung...
Über ihnen griff man beinahe schon Bedeutsamkeiten...
Der Geruch der Erde verbreitete sich. Falter schwirrten über Flusssteinen und Kiesgraten, im Heute, auf und ab, über der ungepflügten Erde, sie schwangen sich über das Gesträuch, in dem sich junges Leben verbarg, über Wurzeln und bedachter Stille. Feldmaikäfer kletterten in ihnen und vom Ufer her schwebten Libellen; letzte Tropfen schimmerten an den Stilen der Wildblumen, inmitten der regenfeuchten Ebenen. Es würden lichterne Augenblicke ins Bewußtsein fluten.
Allmählich verschwammen die Wolken...
Die Weizenfelder und der Tag hier grüßten immer mehr die freundlicheren Himmel und ich merkte, wie sehr diese Welt ihre bleibenden Eindrücke hinterlassen sollte. Bald klang unweit der dumpfe Gesang eines Kleibers über Steine und Gedanken, berührte Schafgarben und Lebensgeschichten. Entlang des geschnittenen Gesträuchs, dass nun trocknete in der mutigeren Sonne.
Dahinter versprühten sich Anteile von sandigem Gelb. Bis sich ein Rapsfeld in grellerem Gelb an Raine drängte, in die sich die Farbe dunkler Äste mischte, an Ährenfelder wellte, an alte Kastanienbäume und Minuten.
Leise und doch stetig kämmten Böen durch Mariengräser. Sie wehten über unvergängliche Lieder. Und rauschten durch die Kronen beginnender Ulmen und Linden an Wegesrändern.
In der Ferne irgendwo ein Wald, der sich an den Aufstiegen zu den Bergen hing.
Der Duft von trocknendem Heu und Minze wehte auf.
Doch schon zog mich der Mahlstrom aus ankommenden Bildern, Ungezwungenheiten und hergereisten Wagen in sein Bewußtsein - und meine Erinnerungen.
Nur wenige Schritte...
Schon befand ich mich in der Kirmesrunde und der Mitte meiner Jugend. Nirgends erhob sich eine Mauer, eine kalte Wand. Gleichwohl war es als durchschritte ich einen Flur, einen Gang, der Neugierde und schließlich Wohklang entließ. Ungestorbene Bilder in meiner Zeit hisste.
Und schon erblickte ich sie auch:
Seit dem ersten Besuch nannte ich sie meinen Stunden, den einfachen und regnerischen. Oft versuchte ich dem Einerlei des Alltages nachzufolgen, aber sie schied nicht aus meinen Sätzen und Gedanken. Sie teilte schlichte Wege mit mir. Säte Glück in mir. Und Fragen, ja viele Fragen, wie sie hieß, woher sie kam, wann sie wieder hier her kommen würde. Vielleicht würde ich sie nur hier noch sehen.
Sie schien in diese manchmal karge, eisige Wirklichkeit gezeichnet wie unter einen Bogen aus Engelslicht.
Sie blickte mit fragenden Augen über Besucher und Wanderer, aber sie ließ sich nicht ablenken von dem schlängelnden Strom aus Schaulustigen, der an den vielen, lauten Einlässen anstand, an den Zelten und Schießbuden vorüber schritt, an silbernen Absperrungen, irgendwann entlang der Souvenirs- und Mandelverkäuferinnen watete. Es waren Bilder wie sie jeder kannte, der auf der Nachmittagskirmes schlenderte und etwas seiner ungehängten Jugend einfing.
Hier fing ich sie ein.
Sie war nicht verstorben.
Links und rechts verfingen sich einige Besucher in Gesprächen mit den Schaustellern. Angetrunkene schwankten auf den Steinpflastern. Andere betrachteten die Neuvorstellungen und raunten in der Menge, drehte ein Karussel eine weitere Runde, eine schnellere als zuvor. Jongleure waren dort und führten ihre Kunststücke vor. Vor der Absperrung eines Riesenrades standen sie und den Karusselen. Wie auf Kreiseln ausgesetzt, sogen sie große Aufmerksamkeiten an sich. Träume hingen an ihnen und zwischen ihnen zitterten manche ernste, bleiche Wirklichkeiten. Es war als waren Sinne alter Tage wiedergekehrt an diesen Stadtrand. Alle lehnten sie an ihrer Bedeutung, ihren Traditionen, Ausgängen, ihren Schatten und Lichtern.
Währenddessen fragte sie über alte und junge Kirmesgänger nach mir.
Gefangen war ich und verhaftet in dieser Stimmung. Sie hatte etwas einer aufgeworfenen Jugendzeit, die mit Wellen der Ehrlichkeit und Abenteuerlichkeit - über einer Art der Ungewissheit - in diese Zeit rauschte. Und der Nähe zu jenem Mädchen mit den langen, schwarzen Haaren. Sie hatte ein hellbraunes Gesicht und war sehr hübsch. Sie schien trotzalledem etwas für sich zu behalten und uneinnehmbar zu sein, von all dem, was um sie herum passierte.
Ihr Wesen eroberte meine Tage und Nächte. An all diesen hunderten Gesichtern und Geschichten meine Richtungen.
"Auch wenn es ihre Familie nicht zulassen würde", flüsterte ich.
"Wenn wir nicht hierher gefahren wären. Morgen schon, vielleicht morgen schon werden wir...", sprach sie.
"Ich muß mit ihm sprechen."
In ihren Augen war Lebensfreude. Und ihre Blicke schrieben sich in mich.
Schrieben sich in mich wie eine besondere Erzählung in das langjährige Bewußtsein.
Wie war ihr Name?, fragte immer wieder eine innere Stimme.
Würde sie bei der nächsten Kirmeswoche wieder hier sein?
In dem Wohnwagen ihrer Familie an diesen Ort fahren - zwischen Steinpfade und Fluss? Oder mit den Jahreszeiten und Verpflichtungen anderswo auf Jahrmärkten, in größeren Städten ihre Nachmittage verbringen?
Ich band dieses Gewoge aus stillen Anfängen - wie aus einer reifen Zeit - in die Kirmesrunde; in der sich Lichter entzündeten. Wie jene an Abenden fern der zehrenden Stadt. Und gingen, als wollten sie nur dort sein. Dort, in der Nähe der Sinteza (Zigeunerin), und der Kirmesrunde, die bald nach anderen Orten aufbrechen würde.
Entlang der späten Aprilwiesen.
Auf denen Rappen und Apfelschimmel, ohne dem Blick nach den Vorüberschreitenden grasten. Nur Minuten zu Fuß entfernt von der grau und grauen Stadt. Nahe sandgelber und brauner gefurchter Felder, über denen Winde und Sinne vom fortwährenden Nahen und Verströmen glitten. Derweil neigte sich die Dämmerung über diesen Ort. Späte Lichter stiegen an den Ebenen, stiegen an verbundenen Gedanken, Lüften, Zeiten.
Unter dem geöffneten Himmel, an der Kirmes am Fluss, der nun
smaragdgrün glitzerte und weiter, weiter, wie nach einem ewigen Ruf in den Süden wanderte.
© Ciwan